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Basiswissen Wanderausrüstung – Dein Ratgeber für die Auswahl von Rucksack, Kleidung und Co.

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Hier erscheint jeden Tag ein neuer Tagebucheintrag aus der vierten Woche meiner 88-tägigen Reise. In dieser Woche habe ich an 6 von 7 Tagen einen Tagebucheintrag geschrieben, die Einträge sind deutlich länger. Der Weg hat mir in der vierten Woche sehr viel abverlangt.

Falls du gerade erst auf mein Tagebuch stößt, findest du hier die Einträge aus den anderen Wochen:

Tagebuch Woche 1

Tagebuch Woche 2

Tagebuch Woche 3

Folgende Strecken habe ich in der vierten Wochen zurückgelegt:

Woche 4 meines Jakobsweges - Jakobsweg-Tagebuch

Der neuste Tagebucheintrag steht jeweils unten. Du kannst meinem Kopf beim Rattern und Springen von A nach B zusehen – viel Spaß dabei.

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Tagebucheintrag von Freitag, den 07.08.2015:

Tag 22, Pont-à-Mousson – Toule, 44km – ca. 700hm

Ich bin totmüde, schreibe aber noch kurz, was heute so los war. Ich war von Pont-à-Mousson nach Toule unterwegs. Die 44km führten mich durch Wälder und zwischen Feldern hindurch. Die Strecke war toll, aber zwischen den Feldern brannte die Sonne erbarmungslos auf mich herab.

Außerdem hat die Einsamkeit heute angefangen, mich zu zermürben. Ich habe aus heiterem Himmel angefangen zu Heulen wie ein Schlosshund. Darin, meinen Gefühlen freien Lauf lassen, war ich nie gut. Das Weinen war erst ungewohnt, weil es einfach so aus mir herausgebrochen ist. Auch wenn es mich überwältigt hat, war es dennoch sehr befreiend.

Wieso ich geheult habe? Es kamen viele Faktoren zusammen. Ich habe melancholische Musik gehört, weil meine Grundstimmung getrübt war. Ich vermisse zu Hause ziemlich heftig. Außerdem war es heute heiß. Die Hitze hat mich zermürbt. Irgendwann war mein Wasser leer. Ich dachte wirklich kurz daran, dass Verdursten der schlimmste Tod sein muss, obwohl ich war natürlich noch eine Unendlichkeit davon entfernt war. Letztlich ärgern mich einige Dinge aus meinem privaten Umfeld, die es nicht wert sind, mich darüber zu ärgern. Aber ich kann das nur schlecht abstellen. Zum Glück hab ich noch ein paar Tage Zeit, um mich damit auseinanderzusetzen.

Jetzt erstmal schlafen. Gute Nacht.

Der Jakobsweg führte mich oft über toll begrünte Brücken mit tollen Ausblicken. jakobsweg strecke frankreich tagebuch wanderveg domibility

Der Jakobsweg führte mich oft über toll begrünte Brücken mit wunderbaren Ausblicken

Tagebucheintrag von Samstag, den 08.08.2015:

Tag 23, Toule – Domrémy-la-Pucelle, 43km – ca. 700hm

Ich bin wiieder totmüde. Heute um 4 Uhr durfte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem französischen Wappentier machen. Jetzt weiß ich auch, wieso Hähne früher als Wecker dienten. Ich hab dann aber zum Glück noch zwei Stunden schlafen können.

Heute habe ich wieder über 40km zurückgelegt. Das Wetter war absolut kein Problem auf dem Weg nach Domrémy-la-Pocelle, dafür war es nervlich ein Drahtseilakt. Eigentlich hatte ich geplant, in Vaucolours einzukaufen. Dafür hätte ich einen Umweg in Kauf nehmen müssen. Glücklicherweise habe ich noch vor der Abbiegung bemerkt, dass der Supermarkt Mittagspause macht – Google sei Dank. Von da an beschäftigte mich eine Frage: woher kriege ich was zu essen für Sonntag?!

Erst als ich im Hotel angekommen war klärte mich wiederum Google darüber auf, dass es in Frankreich auch Supermärkte gibt, die Sonntagmorgen öffnen. Um im schlimmsten Fall noch in der Nähe des Hotels einkaufen zu können habe ich mich richtig abgehetzt und nur sehr wenige Pausen gemacht, so dass ich schon um 16:30 Uhr am Hotel war. Aber so hatte ich immerhin einen „halben Tag Pause“.

Mit der Mutter der Hausherrin habe ich am Telefon mehr schlecht als recht Französisch gesprochen. Bei der Ankunft ebenfalls. Aber mir fallen nach und nach immer mehr Vokabeln ein. Die 7 Jahre Französisch-Unterricht in der Schule scheinen also nicht ganz umsonst gewesen zu sein. Außerdem hab ich ja noch gute 5 Wochen Zeit in Frankreich vor mir – viel Zeit zum Üben.

Ich ändere gerade die Streckenplanung etwas, weil mir sonst langweilig wird. Zumindest denke ich das. Ich bin die längeren Strecken nach 3 Wochen nahezu täglichen Gehens gewohnt und es macht mir nichts aus, 40km am Tag mit Gepäck auf den Schultern zurückzulegen. Ich habe ja sonst eh nichts zu tun, bisher bin ich unterwegs schließlich keiner Menschenseele begegnet. Ich bin gespannt, wie lange das noch so bleibt.

Da morgen wieder über 40km anstehen, leg ich mich jetzt hin. Ich gewöhne mich zwar schnell an die langen Strecken, aber mind. 8 Stunden Regeneration in Form von Schlaf will ich meinem Körper schon gönnen, wenn er solche Höchstleistungen erbringt. Deshalb schließe ich jetzt die Augen. Gute Nacht.

Manchmal führt der Weg auch über frisch gepflügte Äcker und schlecht begehbare Wege. jakobsweg strecke frankreich tagebuch wanderveg domibility

Manchmal führt der Weg auch über frisch gepflügte Äcker und schlecht begehbare Wege, wie hier, kurz hinter Toule

Tagebucheintrag von Sonntag, den 09.08.2015:

Tag 24, Domrémy-la-Pucelle – Contrexéville, 44km – ca. 640hm

Same procedure as everyday. Heute waren es ganze 44km nach Contréxeville. Die Strecke war so, wie ich Lothringen bisher kennengelernt habe: mit viel Wald, vielen Feldern, und vielen freien Ausblicken über weite Landstriche. Kurz gesagt: landschaftlich wunderschön.

Im Hotel gestern in Domrémy-la-Pocelle habe ich mit PayPal gezahlt – irgendwie komisch, dass auch das mittlerweile im kleinsten Dorf möglich ist. Willkommen im 21. Jahrhundert. Die Besitzerin des Hotels (die im Haus nebenan wohnte) hat mir heute morgen noch Gemüse (Tomaten, Gurken, Zucchini) und Obst (Mirabellen) aus dem eigenen Garten mitgegeben. Alles war lecker und so aromatisch, dass ich eigentlich kein Supermarkt-Gemüse mehr essen will. Fehlt nur noch der eigene Garten…

Gestern war übrigens eine Premiere – ich war zum ersten Mal den ganzen Tag ohne Musik und ohne Hörbücher unterwegs. Heute vormittag ebenfalls. Da rattert der Kopf gleich noch viel mehr. Das macht aber nichts, das war eines meiner Ziele auf dem Jakobsweg – „Kopfrattern bis zur Leere“. Das ganztägige Nachdenken wird immer wieder zur Gefühlsachterbahn, die zermürbend sein kann. Folgendes habe ich heute meiner Freundin geschrieben. Das fasst gut zusammen, wie ich mich fühle: „Ich lache, ich heule, ich singe, ich fluche, ich glaube ich kann fliegen, um im nächsten Moment wieder zu zweifeln.“

Das ist der Weg zu mir selbst, mein Ausbruch. Nie zuvor hatte ich den Mut. Ich höre noch die Stimme eines älteren Herren: „Die [Jugend] hat doch Angst vor ihrem eigenen Schatten.“ Nein, hab ich nicht – und da die Sonne mich anstrahlt, seh‘ ich auch meinen Schatten nicht. Ich habe mich nie getraut „nicht konform“ zu sein und dabei fühlt es sich so viel besser an, mein Ding zu machen.

Ich habe zum ersten Mal seit ich denken kann wieder Fingernägel und knabbere nicht mehr. 20 Jahre Gewohnheit lassen sich so einfach abstellen, wenn der Kopf es entscheidet. Genial, was die Evolution aus unserem Gehirn gemacht hat. Eigentlich ist das sogar unglaublich und für den menschlichen Geist nicht wirklich fassbar. Ich bin mir sicher, dass da noch so viel mehr, von dem wir bisher noch nicht mal im Ansatz wissen.

Das „Hotel der 12 Apostel“, in dem ich hier in Contréxeville schlafe, ist echt witzig. Alle sind irgendwie verplant und in Deutschland würde es die Leute stören – hier platzt die Bude trotzdem, oder gerade deswegen, aus allen Nähten. Der „Hotelvater“ begrüßt jeden per Handschlag und in der Landessprache des Gastes. Er scheint mehrere Sprachen fließend zu sprechen. Solche Menschen faszinieren mich. Dank des an das Hotel angeschlossene Restaurant bin ich heute mal wieder zu was anderem zu Essen gekommen und konnte eine Pizza genießen. Très bien. Bonne nuit mon journal.

Die Jakobsmuschel in verschiedenen Formen ist ein stetiger Begleiter auf meinem Weg nach Santiago de Compostela. Die Wege sind viel besser ausgeschildert, als ich das vorher erwartet habe #jakobsweg #jakobsmuschel #wegweiser #wanderveg

Die Jakobsmuschel in verschiedenen Formen ist ein stetiger Begleiter auf meinem Weg nach Santiago de Compostela. Die Wege sind viel besser ausgeschildert, als ich das vorher erwartet habe

Tagebucheintrag von Montag, den 10.08.2015:

Tag 25, Contrexéville – Bourbonne-les-Bains, 38km – ca. 420hm

Heute morgen bin ich recht entspannt losgegangen gegen halb 9 – die Strecke von Contréxeville nach Bourbonne-les-Bains war genial. Der Wald war der absolute Hammer, quasi ein Eldorado für Trailrunner – und mein Körper hat mir dabei mal wieder gezeigt, was für ein Wunderwerk er ist. Bei der Überquerung eines kleinen Bachs bin ich auf einen Stein getreten. Natürlich war der klitschig, aber in Bruchteilen von Millisekunden hat mein Körper mit einer Ausgleichsbewegung alles wieder ins Lot gebracht. Unglaublich wie schnell die Synapsen schießen.

Da die Barfußschuhe einfach der absolute Hammer sind, habe ich heute Pelle von Vivobarefoot (mit dem Gutscheincode XVIC-DOAL-50KO erhältst du 10% Rabatt auf alle Modelle) angeschrieben, denn mein erstes Paar Trailfreaks hält keine 500km mehr durch. Pelle und Willi (der den Kölner Vivobarefoot-Laden führt) schicken mir neue Schuhe nach Dijon. Hätte ich von Anfang an gewusst, dass ich so gut mit diesen Schuhen klarkomme, hätte ich gar keine anderen mitgenommen. Nächstes Mal weiß ich Bescheid.

Leider war das Hotel heute ein absoluter Fehlgriff – ich hoffe, Jeanne D’Arc, der Namensgeber des Hotels, musste nie so wohnen. Aber für 39€ darf ich vielleicht auch nicht zu viel erwarten. Spinnweben und Baustellen im Zimmer sind trotzdem unschön. Egal, morgen geht‘s früh wieder los. Ich will ja nur hier schlafen und keinen Urlaub hier machen. Gute Nacht.

Wo ich bin ist die Party #jakobsweg #wanderveg #tagebuch

Wo ich bin ist die Party…

Tagebucheintrag von Dienstag, den 11.08.2015:

Tag 26, Bourbonne-les-Bains – Langres, 49km – ca. 1100hm

Kein Tagebucheintrag

Wenn die Sonne dich mit einem solchen Lächeln begrüßt, kann der Tag nur gut werden #wanderveg #jakobsweg #tagebuch

Wenn die Sonne dich mit einem solchen Lächeln begrüßt, kann der Tag nur gut werden

Tagebucheintrag von Mittwoch, den 12.08.2015:

Tag 27, Langres – Ferme de Borgirault (Grancey Le château), 45km – ca. 850hm

Liebes Tagebuch, es gibt so viel zu erzählen, aber die Zeit abends ist so knapp bemessen, dass ich nicht dazu komme, alles niederzuschreiben. Es ist schon wieder fast Mitternacht. Da ich morgen eher entspannt angehen will, schreibe ich jetzt allerdings noch ein paar Zeilen.

Gestern hab ich zum ersten Mal in einer Auberge geschlafen und musste mit einer Dame das Zimmer teilen. Isabelle, geschätzt 35, Französin. Sehr gläubig. Sie spricht besser deutsch als ich französisch und hat den Weltkirchentag in Köln besucht – zu tieferen Gesprächen ist es nicht wirklich gekommen. Wir waren nicht wirklich auf einer Wellenlänge. Als ich ihr erzähle, dass ich gekündigt hab und den Weg jetzt gehe, um mich selbst zu finden, sagte sie in etwas à la: „Wir gehen den gleichen Weg aber aus einem andern Grund“. Den Grund hat sie mir nicht genannt. Ich habe aber auch nicht danach gefragt, dafür ist mein Französisch zu schlecht – ich hätte fragen können, hätte aber die Antwort wahrscheinlich nicht verstanden. Ich schätze, sie ist auf der Suche nach Gott. Muss man sich erst selbst finden, um jemand anderen (wie Gott) finden zu können?

Ich habe mir nachdem ich was gegessen habe, ein wenig Langres angeschaut. Die Stadt ist faszinierend – sie liegt hoch oben auf einem Berg und man hat eine fantastische Aussicht auf das umliegende Land. Den Sonnenuntergang von hoch oben zu beobachten war wunderschön. Dann habe ich noch mit meiner Freundin telefoniert und als ich gegen halb 10 an die Herberge kam war, das Außentor verschlossen. Das wurde leider nirgendwo angekündigt. Deshalb musste ich dann mit Hilfe der Mülltonnen und der restlichen Herbergengäste über die mind. 3m hohe Mauer klettern. Diesen Abend werde ich sicher niemals vergessen – zum Glück ist es glimpflich ausgegangen.

Die Herberge war nicht besonders sauber und super laut, weil in Langres ein Konzert auf dem Marktplatz in der Nähe war – also genau das, was man nach 50km Fußmarsch braucht. Und weil ich ein Verpeiler bin, habe ich nur noch Lebensmittel für den Abend, nicht aber für heute eingekauft. Deshalb bin ich heute erst gegen 9 mit eher getrübter Stimmung losgegangen. Es lief den ganzen vormittag nicht so richtig, ich hatte heute einfach keine Lust. Jeder Schritt tat weh und dann habe ich den Fehler gemacht, ein Bild von meiner Liebsten und mir anzuschauen.

Von diesem Moment an war der Weg eine emotionale Achterbahn. Ich hab geflennt wie ein kleines Kind, habe geflucht, weil gefühlt 1000 Mücken im Wald um meinen Kopf geschwirrt sind und weil ich mir selbst schlechte Stimmung gemacht habe. Ich habe mich für jeden Schritt verflucht. Zu alledem hab ich mich noch verlaufen. Natürlich zieht sich der Weg noch viel mehr, wenn man in einer solchen Stimmung ist. Ich wäre am Liebsten einfach am Rand sitzen geblieben und nicht mehr weiter gegangen. Ich hab menschliche Nähe so vermisst, dass ich am Liebsten alles hingeschmissen hätte, um nach Hause zu fliegen und meine Freundin zu umarmen. Einfach nur im Arm halten. Ganz fest.

Nachdem ich dem Verdursten nah (naja, zumindest gefühlt) an einen Brunnen kam, beschloss ich, den Rest der Strecke im halben Laufschritt zurückzulegen. Als ich an meiner Unterkunft ankam begrüßte mich der Hausherr mit den Worten: „Du siehst aus als könntest du ein Bier vertragen.“ Kann er Gedanken lesen oder sah ich einfach nur so fertig aus? Die Unterkunft gehört einem deutschen Ehepaar, das sich hier den Traum eines Auswandererlebens auf dem Pferdehof erfüllt hat. Zum Pferdehof gehören auch Gästehäuser. Drei weitere deutsche Pärchen waren ebenfalls hier, außerdem der Sohn der beiden und eine Praktikantin. Die drei älteren Pärchen sind anscheinend Freunde der Familie und ganz witzig – sie erzählten im Laufe des Abends viele Stories von früher und wir lachten viel. Es war schön, mal wieder die gewohnte Sprache zu hören.

Auch mein Veganismus wurde zum Thema und es war wie so häufig. Die vorherrschende Meinung lautete: weniger Fleisch ja, gar keins nein. Ich habe erklärt, wieso ich so lebe und es dann geschafft, das Gespräch wieder wegzulenken bevor es mir unangenehm wurde. Schließlich musste die Hausherrin extra für mich kochen, weshalb ich mich gefühlt in einer Rechtfertigungsposition befand.

Danach haben wir über Gott und die Welt gesprochen. Ich habe mich fast wie ein Teil einer großen Familie gefühlt. Alle konnten verstehen, warum ich meinen Job gekündigt habe. Wahrscheinlich, weil viele die Thematik mit der Unzufriedenheit und der Sinnsuche im eigenen Job kennen.

Der Abend endete mit einem Sternenhimmel, wie ich ihn zuvor selten gesehen habe – und mit super vielen Sternschnuppen. Schließlich ist heute Sternschnuppennacht. Allein dieser Anblick entschädigt mich für alle „Qualen“ dieses anstrengenden Tages. Die Anstrengung fordert nun ihren Tribut und mir fallen die Augen zu. Gute Nacht!

Der Jakobsweg empfing mich nicht immer mit offenen Armen sondern legte mir auch häufig "Steine" oder eben Baumstämme in den Weg #wanderveg #jakosbweg #tagebuch #steineimweg

Der Jakobsweg empfing mich nicht immer mit offenen Armen sondern legte mir auch häufig „Steine“ oder eben Baumstämme in den Weg

Tagebucheintrag von Donnerstag, den 13.08.2015:

Tag 28, Ferme de Borgirault (Grancey Le château) – Messigny-et-Vanoux, 50km – ca. 1250hm

Heute ist einer dieser Tage, an denen ich mir wirklich wünsche, er hätte niemals so stattgefunden. Es lief eigentlich ganz gut, heut morgen war ich entspannt unterwegs und hab Hilfe von einer Friseurin bekommen, die mir quasi als Geldautomat gedient hat – und mir zusätzlich noch for free den Nacken ausrasiert hat.

Es war alles cool, das Wetter war toll, ich war gut unterwegs und irgendwann habe ich beschlossen, ein paar Kilometer dranzuhängen. Ich hab gesungen, getanzt und gelacht.

Irgendwann hat mein Handy geklingelt. Eine unbekannte Nummer. Ich habe überlegt ob ich rangehen soll, dachte mir aber nicht wirklich was dabei. Als ich ranging meldete sich eine Stimme: „Hallo hier ist Bens Schwester.“ Noch bevor sie weiter redete, konnte ich mir denke, was passiert ist. Wieso sollte sie sonst anrufen?! „Es ist was Schreckliches passiert. Ben ist tödlich mit dem Motorrad verunglückt. Wir haben deine Nummer aus seinem Google Account, er mochte dich sehr, deshalb wollte ich Dir Bescheid geben.“ Stille. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen soll, stammelte irgendwas von „Herzliches Beileid“. An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Dann riss es mir den Boden unter den Füßen Weg. Da war sie, die Gewissheit, dass die Schlimmste aller möglichen Alternativen des Anrufs Wahrheit ist. Ist der Tod schöner, wenn man bei dem stirbt, was man leidenschaftlich gerne tut? Ich weiß es nicht. Ich will mir auch nicht anmaßen, dem Tod eines Freundes etwas Positives abgewinnen zu wollen. Diese Nachricht traf mich wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht. Ich kannte Ben noch nicht besonders lange, aber er war mir ans Herz gewachsen. Wir hatten gemeinsam für den Eignungstest der Sporthochschule trainiert und sind gute Freunde geworden, die sich auch außerhalb der Vorbereitung getroffen haben und über andere Dinge geredet haben als über den Sport. Komisch, nicht bei der Beerdigung dabei sein zu können…

Abschiedsbrief an Ben:

„Hey altes Haus,

wieso tust Du sowas? Du warst echt noch viel zu jung, um schon zu gehen. Du hast mich mit Deiner Stehaufmännchen-Mentalität gepushed ohne Ende. Ohne Dich hätte ich diesen Test niemals bestanden. Und jetzt können wir nicht mal mehr zusammen die Lorbeeren ernten? Was hätte ich ohne Dich beim Sprinten gemacht? Ich sags Dir: ich hätte gnadenlos versagt – und Du trabst mal eben locker neben mir her während ich Vollgas gebe. Trotzdem hast Du mich und Dich weiter gepushed. Während andere gesagt haben: „Pff, Sprinten kann ich“, hast Du gesagt: „Alter, wir bringen Dich auf 13,4 – und mich auf 12,0.“ Das nenn ich Sportsgeist. Dafür danke ich Dir von Herzen.

Wenn einer aus dem Vorbereitungskurs prädestiniert für dieses Studium war, dann Du. Ich hab mich vom ersten Tag an gefragt, warum Du überhaupt dort warst. Außer Kugelstoßen hast Du alles locker aus der Hüfte raus absolviert. Hochsprung? Pfff, easy. Turnen? Haha, Kindergarten.

Auch in „schweren Zeiten“ hast Du wahre Größe gezeigt. Mit dem Herz am rechten Fleck hast du nicht nach dummen Ausreden gesucht, als Du beim Eignungstest ein Defizit im Badminton kassiert hast. Und das unter den Augen Deines Trainingspartners. Schäm Dich was. Aber während andere die Schuld beim Prüfer, dem Gegner, dem Schläger oder der schlechten Hallenluft gesucht haben, hast du einfach nur gesagt: „Ja, ich hab eben scheiße gespielt.“

Dafür hab ich Dich geliebt und ich bin froh, dass ich Dir das noch gesagt hab. Bevor ich ging – und bevor Du gingst. Für immer. Das ist viel zu lange. Ich vermisse Dich schon jetzt. Deine Energie. Deinen Sportsgeist. Deinen Siegeswillen. Wir waren so verschieden und doch so gleich. Danke für die Zeit, die ich mit Dir verbringen durfte. Auch wenn sie viel zu kurz war. Ich hoffe, dass sie dort, wo Du jetzt bist, einen Fitnesspalast für Dich bereithalten, in dem Du weiterhin nachts um drei trainieren kannst – Du Freak. Es war ne tolle Zeit mit dir. Ich danke Dir für Deine Geduld, die Du mit mir hattest und für alles, was Du für mich getan hast. Ich muss den Weg wohl jetzt ohne Dich gehen und das tut gerade höllisch weh. „Schmerz ist Schwäche, die den Körper verlässt.“ Der Spruch hätte von Dir sein können. Du Tier. Ich wünsch Dir was mein Bester – ich hoffe wir sehen uns wieder. Irgendwann, irgendwo. Bis dann. Ruhe in Frieden!“

Passend zur Nachricht, die ich an Tag 28 erhalten habe, hüllte sich der Himmel in ein tiefes Schwarz und zeigte sich von seiner dunklen Seiten #wanderveg #tagebuch #schlechtenachrichten

Passend zur Nachricht, die ich an Tag 28 erhalten habe, hüllte sich der Himmel in ein tiefes Schwarz und zeigte sich von seiner dunklen Seiten

Mit diesem traurigen Eintrag geht die vierte Woche meines Jakobsweg-Tagebuchs zu Ende. Morgen geht’s in die fünfte Woche.

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